Franz Guntermann, beispielhaft für einen Künstler, der im ausgehenden 19. Jahrhundert geboren wurde und die klassisch-handwerkliche Ausbildung in vorindustriellen Ateliers im Stile des Historismus der Wiedenbrücker Schule genossen hat, entwickelte sich im 20. Jahrhundert nach Akademie und frühen beruflichen Schritten von einer expressiven hin zu einer naturalistisch-geschlossenen Form.

Stilistisch versuchte sich Guntermann wie Hoetger, Kolbe und andere in unterschiedlichen Stilen und bildete so seine Epoche wieder, fand aber nach seiner expressionistischen Phase zum Naturalismus zurück, ohne expressionistische Elemente vollständig aufzugeben. 

Vielmehr strebte er in seinen Arbeiten zur großen geschlossenen Form und blieb dieser auch in seinen letzten Jahren treu. Wie beispielsweise beim »Schmerzensmann«, dem Ehrenmal für Hedwig-Dransfeld oder der »Mater Dolorosa« favorisierte er eine existentialistisch fundierte Kunst, die die menschliche Gestalt hauptsächlich christlicher Personen und deren Schicksal ins Zentrum ihres Ausdruckswillens stellte.    

Es entsprach seiner Grundauffassung, dass er weder in seiner expressiven Phase noch nach dem Zweiten Weltkrieg zur ungegenständlichen Skulptur fand.

Durch seine biografische und berufliche Verflechtung kann die Beziehung zu der Wiedenbrücker Schule mit dem Atelier Anton Mormann bereits durch seinen ersten Lehrherrn Peter Scharwit, seiner Freundschaft zum Sohn und Kollegen Wilhelm Mormann und seines langjährigen Kontakthaltens mit Wiedenbrück dokumentiert werden.

Damit stellt er die künstlerische Entwicklung weg vom historisch-naturalistischen Stil der Wiedenbrücker Schule hin zu einer expressionistischen Moderne da, die sich auch räumlich von Wiedenbrück löst, aber doch immer wieder Anlehnungen, Zitate und Weiterentwicklungen in der Kunstproduktion erkennen lässt, nachweisen. 

Wie weitgespannt und tragend das künstlerische Netzwerk der Wiedenbrücker Schule hier war und wie interessant und spannungsgeladen die Künstler ihren Weg in die Moderne fanden, wird hier dokumentiert.

Wir danken herzlich dem Museum Peter August Böckstiegel und seinem künstlerischen Leiter David Riedel, der den Hinweis und die Kontaktaufnahme mit der Familie Guntermann und dem Leihgeber und Guntermann-Experten Kai-Uwe von Hollen möglich machte. Darüber hinaus dem Sammler Thomas H. Lehmann aus Münster. Allen gebührt herzlicher Dank und ihre große Bereitschaft, ihre Leihgaben und Objekte sowie die Zusätzliche Forschung zum Netzwerk Wiedenbrücker Schule in die Ausstellung zu geben. Desweiteren dem Museum Abtei Liesborn, aus dessen Bestand weitere Fotos und Informationen zu Wilhelm Mormann stammen. Und der Familie Helma Mormann, die als Chefin des Stammhauses Mormann ebenfalls bereitwillig Informationen und Objekte beisteuerte. Brigitte Spieker, ohne die die Informationen zu Peter Scharwitz nicht in die Ausstellung eingeflossen wären und Familie Siebe, die mit einer Objektschenkung ebenfalls zum Gelingen der Ausstellung beigetragen hat. Und dem Stadtarchiv Rheda-Wiedenbrück.

Plakat für die Sonderausstellung Von der Wiedenbrücker Schule zum Expressionismus Franz Guntermann

Laufzeit der Ausstellung
22.11.26 — 21.3.27

Öffnungszeiten
Mittwoch 15 – 18 Uhr. Donnerstag, Samstag und Sonntag jeweils 15 – 17 Uhr und nach Vereinbarung.